Out of Office

Streicheln und Loben

Von Nicole Janz, New York

Eine neue Generation von Uniabsolventen strömt auf den US-Arbeitsmarkt: Die „Millennials" sind jung, qualifiziert – und so selbstbewusst, dass Unternehmen professionelle Hilfe brauchen. Das Beratungsgeschäft boomt.

Rote Luftballons fliegen herum, Konfetti regnet, Mitarbeiter springen von ihren Bürostühlen auf, applaudieren, jubeln – was aussieht wie ein Kindergeburtstag, ist Arbeitsalltag im Scooter Store in Texas, wo Rollstühle und Motorroller vertrieben werden. Mit diesem Party-Tamtam feiern die Mitarbeiter jeden größeren Verkauf. Dafür hat das Unternehmen sogar eine „Celebrations-Assistentin", die dafür zuständig ist, Ballons aufzublasen und die Angestellten zu motivieren.

In Amerikas Unternehmen wird immer mehr gelobt, gefeiert und gratuliert – für die junge Generation der Arbeitnehmer, die sogenannten Millennials. Sie sind jung, geboren zwischen 1982 und 1995, die Ersten von ihnen machten ihren Schulabschluss zur Jahrtausendwende (daher ihr Name) und strömen jetzt auf den Arbeitsmarkt. Hoch qualifiziert und selbstbewusst. Sie kommen lieber in Flipflops als in Button-down-Hemd, wollen flexibel arbeiten, Spaß haben – und eigentlich müssten sich alle Chefs über ihr großes Engagement freuen. Doch viele US-Unternehmen haben Schwierigkeiten mit den jungen Berufsanfängern. So große sogar, dass Firmen wie Disney und die Investmentbank Merrill Lynch sich beraten lassen, wie sie mit dem anspruchsvollen Nachwuchs umgehen sollen. Bis zu 50 Mrd. $ geben sie dafür jährlich aus, schätzt der TV-Sender CBS. Die Folge: Firmen-Incentives, die wie Kindergeburtstage wirken.

„Ich will einen spannenden Job und Raum für persönliche Entwicklung. Wenn ich nicht wie ein Top-Level-Angestellter behandelt werde, kann ich jederzeit woanders arbeiten", sagt Ryan Healy, der eine Millennial-Karriere hinter sich hat: Nach seinem Uniabschluss 2006 arbeitete er erst ein Jahr lang bei IBM. Dann kündigte er und gründete das Karriereportal BrazenCareerist.com. Außerdem rief er die Website Employeeevolution.com ins Leben, auf der sich Millennials gegenseitig beim Start in der Berufswelt beraten. Healy ist viel unterwegs, um Vorträge über sich und seine Generation zu halten. Denn sie tickt anders als ihre Vorgänger. Kaum einer der Millennials will einen Nine-to-Five-Job. Lieber gehen sie am Nachmittag zum Yoga und arbeiten dafür bis nach Mitternacht oder am Wochenende. Die Babyboomer aus der Nachkriegsgeneration aber reagieren genervt, wenn sie sonntagabends in Chats oder per SMS über den Job diskutieren sollen. Und die Mittdreißiger haben nach dem Ende der New Economy genug vom Bürospaß, wollen endlich Karriere machen.

Rund 55 Millionen Amerikaner gehören nach offiziellen Geburtsstatistiken zur Millenniumsgeneration, rund 30 Millionen von ihnen sind derzeit auf Jobsuche oder arbeiten schon, schätzt Bob Nelson, der mit seiner Beraterfirma Arbeitsmarkttrends verfolgt. Seiner Meinung nach ist das größte Problem in den Unternehmen vor allem das Selbstbewusstsein der Millennials. „Viele Ältere können die Neuen nur schwer tolerieren", sagt Bob Nelson. „Sie kommen frisch von der Uni und glauben, sie hätten die Antwort auf alles." Eltern, Lehrer und Dozenten hätten ihnen eben stets erzählt, sie seien etwas Besonderes. "Jeder bekam Preise, Lob und Anerkennung zuhauf."

Weil in den nächsten Jahren immer mehr Babyboomer durch Millennials ersetzt werden, müssen sich die Unternehmen anpassen und mitmachen beim Loben. Und lernen, dass die selbstbewussten Nachwuchskräfte mit einer Krawattennadel als Geschenk für zehn Jahre Firmentreue nicht zu locken sind. Krankenversicherung und Altersvorsorge reizten auch nicht sonderlich, man müsse sie stattdessen nach ihren Ideen fragen und ausführlich Feedback geben, rät Bob Nelson.

Und ihnen ab und an eine Kinderparty schmeißen. Eine kalifornische Filiale von Hewlett-Packard rief jüngst einen „Lob-Tag" für eine fleißige IT-Spezialistin aus. Jeder Kollege musste ihr Blumen bringen und Komplimente zu ihrer Arbeit machen. Nacheinander, im 15-Minuten-Takt – wie in einer gut geführten Grundschulklasse.

Financial Times Deutschland, 01.04.2008

01.04.2008
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