Hochschule und Bildung

Blutige Erdbeeren

Von Nicole Janz, New York

Vor vierzig Jahren begehrten nicht nur deutsche Studenten auf: Wie die New Yorker Columbia University zum Symbol wurde

Wer im November des vergangenen Jahres über den Campus der Eliteuniversität Columbia im New Yorker Stadtteil Harlem spazierte, war verblüfft: Auf dem sonst so gepflegten Rasen vor der Hauptbibliothek standen drei kleine Zelte, zwischen denen Mülltüten, Coladosen und Kleidung herumlagen. Ein Hungerstreik, so verriet ein Pappschild. Während ihre Kommilitonen mit dampfenden Starbucks-Bechern unbeeindruckt vorbeischlurften, wollten fünf Studenten zehn Tage lang hungern. Für mehr Mitbestimmung in Uni-Gremien und eine verantwortungsvollere Ausbreitung der Uni im Stadtteil Harlem.

Der Zwischenfall war schnell vergessen. Und so manche Vertreter der Columbia-Verwaltung waren heilfroh, dass die paar Demonstranten nicht annähernd an die alten Revoltezeiten der Universität anknüpfen konnten. Genau vierzig Jahre ist es her, dass die Mauern der Ivy-League-Uni durch die Gewaltausbrüche der 68er Proteste erschüttert wurden. Vor dem Hintergrund der Black-Liberation-Bewegung, der Ermordung von Martin Luther King und der Anti-Vietnamkriegs-Bewegung war ganz Amerika in Aufruhr - und die Columbia mittendrin.

"Sie war eine der ersten Unis, die von der Protestwelle erfasst wurden. Wir wurden zum Vorbild für Studentenstreiks in ganz Amerika und Europa", sagt Mark Rudd, damals Anführer der Proteste. Schon zwei Jahre danach kam der Film "The Strawberry Statement" (deutscher Titel: "Blutige Erdbeeren") in die Kinos, der auf den Ereignissen an der Columbia beruht.

Der heutige 60-jährige Mark Rudd war gleich zu Beginn seines Studiums den "Students for a Democratic Society" (SDS) beigetreten, die landesweit Studentenproteste gegen den Vietnamkrieg und die Rassendiskriminierung planten. Die Aktivitäten in New York starteten friedlich. Mit Flyern und kleineren Sit-in's kritisierten Rudd und seine Mitstreiter, dass die Columbia im Auftrag des Pentagons militärische Forschung durchführte, und dass Anwerber für die US-Marine auf dem Campus geduldet wurden.

Die Revolte explodierte im April 1968 aber aus anderem Anlass: wegen einer Sporthalle, die neben der Universität in einem öffentlichen Park gebaut werden sollte. Die Kritik: Für die gut situierten Elitestudenten würde das Fitnesszentrum direkt vom Campus aus zugänglich sein - die Afro-Amerikaner aus dem armen Stadtteil Harlem sollten nur an bestimmten Tagen durch einen separaten Eingang hineindürfen.

Niemand erinnert sich mehr genau daran, wie es am 23. April 1968 von einer Kundgebung auf dem Campus zum Marsch in Richtung Baustelle der Sporthalle kam. Weil die Polizei die etwa 300 Studenten daran hinderte, den Bauzaun niederzureißen, rief einer: "Hamilton Hall", und plötzlich strömten alle zurück in das gleichnamige Gebäude am Campus, in dem sich administrative Büros und Klassenräume befanden. Der Dekan, Henry Coleman, wurde kurzerhand als Geisel genommen und verbrachte die Nacht - ansonsten unbehelligt - in seinem Büro, während die Studenten die nächsten Schritte überlegten. Obwohl schwarze und weiße Studenten für gleiche Ziele kämpften, wollten die schwarzen ihr "eigenes" Gebäude besetzen und so selbst für ihre Rechte eintreten. "Also zogen die weißen Studenten am nächsten Morgen in die umliegenden Gebäude um", erinnert sich Mark Rudd. Eine Eigendynamik entwickelte sich.

Zwei Tage später hatten mehrere hundert Demonstranten fünf Gebäude besetzt und den kompletten Uni-Betrieb lahm gelegt. Jeff Jones, Mitglied der Studentenorganisation SDS, selbst aber kein Columbia-Student, erzählt vom Lager in den Büros und Klassenräumen: "Wir schliefen auf Decken, hissten eine rote Flagge aus dem Fenster und ernährten uns von Cola und Keksen". Täglich fanden Beratungen statt, es wurden Forderungen an die Verwaltung aufgeschrieben, Interviews für die New Yorker Presse gegeben, und abends packten manche ihre Gitarren aus. "Wir fühlten uns teilweise wie eine Hippie-Kommune", erzählt Jeff Jones.

Peter Kennen war damals Professor in der Wirtschaftsfakultät und einer der wenigen Professoren, die vermitteln wollten. "Natürlich hat es mich geärgert, als mein eigenes Büro besetzt wurde", sagt er. Trotzdem war er Tag und Nacht auf dem Campus und redete mit den Studentengruppen. Einmal durfte er sogar, unter Begleitung der Studentenführer, in sein eigenes Büro eintreten, um Stipendienbewerbungen für seine Studenten zu unterschreiben. "Sie haben 30 Minuten Zeit", hieß es. Eine Einigung zwischen Uni-Verwaltung und Protestanten kam aber nicht zustande. Die Fronten waren verhärtet.

Nach etwa einer Woche erlaubte die Uni-Administration der Polizei, die Gebäude mit Gewalt zu räumen, aus Angst vor einer Eskalation. Schließlich gab es in ganz New York Protestmärsche gegen Krieg und Rassismus, auch vor den Toren des Campus. Frank da Cruz, ein damaliger Student und heutiger Mitarbeiter der Columbia-Universität im IT-Bereich, hatte sich in der Low Library verbarrikadiert - wütend, dass die Uni-Verwaltung keiner Forderung nachgab, sondern die Polizei rief. "Wir beschlossen, dass wir uns nicht wehren, aber auch nicht freiwillig gehen würden. Die Polizisten sollten uns schon heraustragen." Die Studenten schoben Schränke vor die Türen, sammelten ihren Müll auf, zogen ihre Ohrringe vorsichtshalber heraus, und warteten. "Nachts um zwei brachen die Polizisten mit Äxten die Türen auf, zogen uns an den Füßen die Treppen hinunter - und schlugen uns mit Taschenlampen auf den Kopf", erinnert er sich. Über hundert Studenten kamen für einige Tage ins Gefängnis und trockneten dort ihre Platzwunden. Noch mehrere Male brach 1968 der Aufruhr aus, und erst im Herbst konnte der Uni-Betrieb wieder aufgenommen werden.

Der Imageschaden allerdings blieb haften. Jenik Radon, heute Professor für Politik, resümiert: "Der Aufstand hat die Columbia ruiniert. Es hat die Uni zwanzig Jahre gekostet, bis sie sich von den radikalen Protesten erholen und auf die Lehre konzentrieren konnte. Dabei war sie in den 60ern sogar eine der offensten, liberalsten Unis der USA gewesen."

Viele Demonstranten von damals finden aber auch heute noch, dass sie ein Recht hatten. "Wir haben strategisch sicher einige Fehler gemacht", sagt der ehemalige Demonstrant Jeff Jones, "aber das Konzept der Sporthalle wurde verworfen. Wir hatten weltweite Aufmerksamkeit für die Schwarzen- und Antikriegsbewegung. Und viele andere Unis folgten unserem Beispiel".

Berliner Zeitung, 14.04.2008

14.04.2008
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